M. Eggert: Vom Sinn des Reisens

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Title
Vom Sinn des Reisens. Chinesische Reiseschriften vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert


Author(s)
Eggert, Marion
Series
Sinologica Coloniensia 23
Published
Wiesbaden 2004: Harrassowitz Verlag
Extent
454 S.
Price
€ 58,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Natascha Gentz, Asian Department, University of Edinburgh

Begriffe des Reisens, räumlicher Mobilität und Migration sind zu einem viel beachteten Forschungsfeld jüngerer kulturwissenschaftlicher Forschung geworden. Trotz einer über Jahrhunderte gewachsenen Fülle an Reiseliteratur in China wurde erst in jüngster Zeit begonnen, das Feld der chinesischen Reiseliteratur-Forschung zu erschließen. Marion Eggerts Studie „Vom Sinn des Reisen“ liefert hierfür einen entscheidenden Beitrag.

Das Buch unterscheidet sich von früheren Werken sowohl durch Ansatz und Fragestellung als auch den historischen Umfang der untersuchten Werke. Während sich die frühere Forschung vornehmlich auf Studien zu einzelnen Autoren oder bestimmte historische Perioden bezogen, unternimmt es Eggert mit ihrer vor mehr als zehn Jahren begonnenen Arbeit, sich den Wandel der Bedeutung des Reisens in einem weiten historischen Überblick zu widmen. Basierend auf extensiver Materialrecherche und intensiver Lektüre entfaltet die Autorin ein Panorama unterschiedlichster Gestaltungsweisen, Bedeutungszuweisungen und literarischen Ausdrucksformen zu Reisetätigkeiten in China.

Im Vordergrund steht dabei durchgängig die Frage nach „den Entwicklungen der Signifikation des Reisens“ (S. 3) vornehmlich im Zeitraum des 16. -19. Jahrhunderts. Wie vielfach bekannt ist, haben sich Reisetätigkeit und Reiseleidenschaft spätestens seit der späten Ming Zeit sehr rege entwickelt. Beispielhaft hierfür stehen die Reisen des berühmten Literaten und Geografen Xu Xiake (1587-1641), dem die Forschungsliteratur bisher die meisten Einzelstudien gewidmet hat. Zentriert um diese Figur stellt Eggert die Frage, wie es zu dieser Reiseleidenschaft gekommen sein mag, die ihren Höhepunkt in der Figur Xu Xiakes findet, und warum diese sich, wie allgemein angenommen, in dessen Nachfolge nicht in gleichem Maße weiter entfaltet hat.

Dieser sehr breit angelegten Fragestellung nähert sich die Autorin systematisch in drei Ansätzen. „Teil A: Koordinaten: Bedeutungs- und Handlungsraum des Reisens“, klärt die Voraussetzungen, die das Verständnis von Reise und das Schreiben über Reise in China geprägt haben. „Teil B: Wandel: Exemplarische Reise-Autoren, 16.-19. Jahrhundert“ untersucht unterschiedliche Ausdeutungen des Reisens anhand von Schriften repräsentativer Reiseautoren in diesem Zeitabschnitt. Der dritte „Teil C: Dichtung: Vom Wesen der Reiseerfahrung“ widmet sich der literarischen Dimension der Reisetexte und versucht ansatzweise eine erste Poetik des Reisens zu beschreiben.

Eggert beginnt die Studie mit dem Versuch einer Begriffsklärung von „Reisen“ im chinesischen Kontext, da allein für die Tätigkeit selbst eine Reihe von alternativen Ausdrücke zur Verfügung stehen. Die Autorin unterscheidet zwei Grundkategorien in der chinesischen Begrifflichkeit, das zielgerichtete Reisen und das ungerichtete Umherschweifen. Dieser inhaltlichen Klassifizierung schließt sich eine formale an, die verschiedene Erzählmodi von poetischen, reflektierenden, berichtenden, dokumentierenden und fiktionalen Formen unterscheidet.

Unter dem Stichwort „Sinnstifter“ fragt die Autorin nach frühesten Bezugspunkten, die den späteren Ming- und Qingzeitlichen Reisenden als Vorbilder gedient haben oder haben könnten. Hier unterscheidet sie „Reisen an die Macht“, repräsentiert durch die Kulturheroen Shun und Yu; „Reise als Selbstbewahrung“ verdeutlicht durch Aussagen zum Reisen von Konfuzius; „Reisen als Selbstentgrenzung“, ein Verständnis, das sie in daoistischen Vorbildern findet; und „Reisen im Ausschluß von der Macht“ versinnbildlicht durch den Dichter Qu Yuan. Während diese Überlieferungen das Reisen vornehmlich symbolisch repräsentieren, lassen sich auch Quellen sehr früher historischer Reisetätigkeit bis zum 4. Jahrhundert aufführen. Unterschieden werden in diesem Teil ebenfalls verschiedene Reiseziele, Formen von Reiseratgebern, und unterschiedliche Auffassungen zum Status des Reisenden in der Gesellschaft. All diese Aspekte werden als Bezugspunkte in den Werken der späteren Autoren auftauchen.

Diesen widmet sich die Autorin im ausführlichsten 2. Teil, in welchem sie anhand einer Fülle vieler bisher kaum erforschten Reiseschriften den Wandel der Bedeutungszuweisung des Reisens entwirft. Als Anfangspunkt einer erwachenden Reiselust setzt sie Du Mu, dessen Werke erklärtes Vorbild für spätere Reiseprosa-Anthologien wurden, und der somit eine Entwicklung anregte, die ihren Höhepunkt im späten 16. bis frühen 17. in der Ästhetisierung des Reiselebens mit Yuan Hongdao, Wang Siren und schließlich Xu Xiake findet. Mit diesen vielfältigen Beispielen macht die Autorin deutlich, dass Xu Xiakes Reisetätigkeit somit eher einen Extrempunkt einer Entwicklung dargestellt hat, denn einen Anfang oder gar ein isoliertes Phänomen.

Reisen hatte sich zum anerkannten Paradigma der Erfahrung mit identitätsstiftender Wirkung entfaltet. Während nun in der Hochphase der ming-zeitlichen Reiseliteratur die Kultivierung von Selbsterfahrung im Mittelpunkt des Reisens stand, verlegte sich in der nachfolgenden Qing Dynastie der inhaltliche Schwerpunkt: der Verlust der Herrschaft der Han Chinesen durch die Eroberung der Manchu richtete das Augenmerk auf kulturelle Bewahrung einerseits und geografische Inspektion (zur Grenzsicherung) andererseits. Andere Formen der Reiseliteratur bleiben aber bestehen, was die Autorin zu dem Schluss führt, dass die dadurch bewirkte weitere Ausdifferenzierung der Motivationen, Interpretationen und Formen des Reisens das Genre der Reiseliteratur nicht an Signifikanz haben verlieren lassen, aber möglicherweise an Wirkkraft.

Grundsätzlich muss im Auge behalten werden, dass sich die chinesische Reiseliteratur im behandelten Zeitraum nur in wenigen Ausnahmefällen mit Auslandsreisen befasst. Insofern enthalten die Texte auch nicht vornehmlich „Nachrichten“ über das Neue, Exotische oder Fremde der besuchten Orte, sondern behandeln den persönliche Erfahrungswert der Reise, „das Neubedenken des eigenen Seins in Raum und Zeit“ (S. 290). Im dritten Teil der literarischen Analyse untersucht die Autorin daher den Reisebericht als eigenständige literarische Gattung, stellt intertextuelle Bezüge her und fragt nach Strukturen dieser Gattung im Hinblick auf Zeit, Raum und Selbst. Wesentliche Landschaftsmerkmale können mit psychologischen Zielsetzungen der Reise verbunden werden: So zum Beispiel verweist das Streben ins Verborgene der Höhle auf Weltflucht und Selbstverlust, die Hinwendung zum „Merkwürdigen“ von Naturerscheinungen auf Selbstverortung. Ambivalenz und Mehrdeutigkeit bleiben jedoch, wie die Autorin wiederholt feststellt, die bestimmenden durchgängigen Charakteristika dieser Beschreibungen: Reisen ist nicht von vorneherein gleichzusetzen mit einem „Aufbruch in die Welt“. Grenzen solcher Bedeutungszuweisungen verschwimmen, wenn sich vielfach ein Weg aus der Welt gleichzeitig auch auslegen lässt als Weg in die Welt (S. 401f.).

Die Autorin setzt den zeitlichen Endpunkt der Untersuchung folgerichtig auf das frühe 19. Jahrhundert. Im weiteren 19. und vor allem frühen 20. Jahrhundert erschließen sich den chinesischen Autoren völlig neue Inhalte des Reisens durch die nun verstärkt einsetzenden Auslandsreisen nach Europa und Amerika. Die zum Teil massenhaft einsetzende globale Migration von Studierenden, Diplomaten oder Individualreisenden brachten auch ein neues Selbstverständnis der Reisenden hervor, wofür paradigmatisch Liang Qichaos berühmte Erklärung stehen mag, sich durch die Überquerung des Pazifiks in einen selbsterklärten Weltbürger verwandelt zu haben. Dass diese Entwicklungen, die die Autorin nur anklingen lässt, eine ganz eigene Untersuchung erforderten, ist verständlich.

Das Buch schließt mit der Hoffnung der Autorin, „durch das Vorhalten einer analytischen Linse das Prisma der chinesischen Reiseliteratur […] in seiner unerhörten Farbigkeit sichtbar gemacht zu haben“ (S. 404). Während letzterem vorbehaltlos zuzustimmen ist, scheint zuweilen gerade ein systematischer Zugriff auf das Material nicht immer gelungen präsentiert. Gerade die Fülle der Einzelinformationen zu Werken und Personen, welche die Autorin in enormer Akribie recherchiert und präsentiert hat, scheint den Blick für den Gesamtzusammenhang eher zu verstellen als freizulegen. Hinzu kommt, dass sich die Autorin für eine widerständige, eher verdunkelnde Sprache entschieden hat, die hohe Anforderungen an die Leser/innen stellt.

Nichtsdestotrotz wird das Buch, das eine ganze Reihe von bisher wenig in der Forschung wahrgenommenen Reisetexten und Autoren vom 16. bis 19. Jahrhundert vorstellt, seinen Ort als wichtiges und informatives Grundlagenwerk zum frühen Reisen in China finden. Beeinträchtigt wird dies allein durch die Tatsache, dass wiederholt Titel in fehlerhafter Umschrift wiedergegeben sind oder im Index oder auch Literaturverzeichnis fehlen – was allerdings eher der in Deutschland gängigen Verlagspraxis, auf ein genaues Lektorat durch den Verlag zu verzichten, anzulasten ist als der Autorin. Bedauerlich ist auch, dass sich der Index auf Autoren und Werktitel beschränkt, wodurch eine systematische, thematisch orientierte Suche nicht möglich ist.

Diese geringen Mängel schmälern keinesfalls den grundsätzlichen Wert dieser Arbeit, die zum ersten Mal den Wandel der Deutung von Reisen in China ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt und diesen in einem weiten historischen Bogen nachvollzieht. Somit hat Marion Eggert mit dieser Studie ein Werk vorgelegt, das in seiner Gelehrigkeit und historischen Breite einen festen Baustein der chinesischen Reiseliteraturforschung bilden wird.

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23.06.2006
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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