B. Sèbe: Heroic Imperialists

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Isabell Scheele, Université Aix-Marseille I / Eberhard Karls Universität Tübingen

Der „New Imperialism“ führte die europäischen Kolonialmächte zu einem Wettrennen um Eroberung und Aufteilung des afrikanischen Kontinents. Zur selben Zeit wurden Medien durch neue Techniken billig und dadurch einem stark wachsenden Publikum zugänglich. Am Ende des 19. Jahrhunderts fielen also die Entstehung des „New Imperialism“ (S. 3) und diejenige der Massenmedien zusammen. In diesem Kontext untersucht Berny Sèbe in seinem 2013 erschienenen Buch die Verbindungen zwischen den neuen Massenmedien und dem spezifischen Typus des „Imperial Hero“, ein Begriff, der in den 1990er-Jahren von John MacKenzie [1] geprägt wurde. Der „Imperial Hero“ definiert sich nicht durch übermenschliche Taten, sondern durch weites Ansehen in der nationalen Öffentlichkeit, das er bei mindestens einer bestimmten Gelegenheit genossen hat. Sèbe nimmt keine Nacherzählung der Lebensläufe und Taten dieser Kolonialhelden vor, sondern untersucht das, was er „hero-making“ (S. 4) nennt: also die Mechanismen, Tricks und Strategien, mit denen Kolonisten in nationale Helden verwandelt wurden. In diesem Prozess spielte der Durchbruch der Massenmedien eine entscheidende Rolle, so Sèbes These. Der Historiker analysiert die mediale Konstruktion von vierzehn imperialen Heldenbildern in den Jahren 1870–1939, darunter sieben Franzosen und sieben Briten.

Der erste Teil schildert den sozio-kulturellen und politischen Kontext, der das Erscheinen eines neuen Typus von Helden möglich machte. Dieser Teil umfasst die ersten drei Kapitel, die erstens von allgemeinen Veränderungen, zweitens von den schriftlichen Medien, drittens aber von sämtlichen audiovisuellen Medien handeln. Ende des 19. Jahrhunderts brachte die industrielle Revolution grundlegende Veränderungen mit sich. Zu diesen gehörten die Verstädterung, Alphabetisierung sowie neue Bildtechniken, die es möglich machten, qualitativ höhere und billige Bilder in der Presse einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Mit der Verstädterung ging der Bau von neuen Straßen einher, die oftmals nach imperialen Helden benannt wurden. Dasselbe galt für neue Schulen und Universitäten, Denkmäler und Statuen. Sowohl in den Mutterländern als auch in den Kolonien wurden Namen imperialer Helden an öffentlichen Plätzen eingraviert. Auch in die gedruckten Medien fanden die neuartigen Helden verstärkt Einzug. Diese massive Vermarktung durch die Medien wurde durch Formen des „New Journalism“ möglich. Darunter versteht Sèbe lebendig erzählte, spannende Reportagen von Kriegskorrespondenten, die in der englischen Presse einen durchschlagenden Erfolg hatten. Das dritte Kapitel handelt von audiovisuellen Medien wie Filmen, Werbebildern, Postern, Postkarten und sogar Zigarettenkarten. Die vielfältige mediale Präsenz der imperialen Helden zeige ihre tiefe Verankerung in der Kultur der beiden Kolonialmächte, so Sèbe. Außerdem zeuge die starke Präsenz von einer kommerziellen Rentabilität. Bei jeder Veröffentlichung war nämlich zunächst einmal die Frage nach dem kommerziellen Gewinn zentral. Von ihr hingen Art der Darstellung und Themenwahl ab, so auch die Entscheidung für das koloniale Thema.

In der ganzen Arbeit weist Sèbe immer wieder auf wichtige Unterschiede zwischen England und Frankreich hin, etwa auf den geringeren Erfolg kolonialer Themen in der französischen Presse und im Buchwesen vor dem Ersten Weltkrieg. Der Weg zum medialen Erfolg war in Frankreich länger als im Vereinigten Königreich, doch führte er im Endeffekt zum selben Ziel. Ein weiterer Unterschied ist das größere Misstrauen der Franzosen kolonialen Projekten gegenüber. Um diesem Misstrauen entgegenzuwirken, stützten koloniale Propagandisten sich auf das positive Ansehen der Heldenfiguren. Der „Imperial Hero“ wurde also zum politischen Argument, um die Öffentlichkeit von der Relevanz des imperialen Abenteuers zu überzeugen, so Sèbe. Von der Handhabung dieses politischen Arguments handelt der zweite Teil der Studie. Die neuartigen Helden hatten einen politischen Wert, der von ihnen selbst oder aber von Oppositionellen politisch genutzt wurde, etwa um der Regierung zu schaden oder um koloniale Projekte durchzusetzen. Infolge der Alphabetisierung und der Ausweitung des Wahlrechts wuchs in England und Frankreich nämlich das Interesse an Politik. Das nutzten Gegner des Regimes aus und es kam zu Phänomenen von Populismus. Sèbe schlägt hier eine Typologie vor: „indirect promoters of expansion“ (Livingstone, Gordon, Lavigerie), „direct promoters of expansion“ (Brazza, Rhodes), „pure political argument“ (Gordon, Marchand), „proconsul heroes“ (Kitchener, Lyautey, Lugard). Das fünfte Kapitel geht näher auf die Werte ein, die imperiale Helden in der Öffentlichkeit verkörperten. Ihnen wurden bestimmte moralische Vorzüge zugeschrieben, wie religiöse Inbrunst sowie nationalistische und patriotische Werte; weiterhin Intelligenz und Empathie, mit der sie angeblich die Treue der fremden Bevölkerungen zu gewinnen wussten; schließlich eine außerordentliche Selbstdisziplin, einen starken Willen sowie die Fähigkeit zur Selbstaufgabe. Außerdem verband man mit den Kolonialhelden immer eine Vorliebe für Entdeckungen, einen Kult des Fortschritts sowie einen unumstößlichen Glauben in die „Mission civilisatrice“. Der dritte und letzte Teil besteht aus zwei Einzelstudien, in denen die Heldwerdung Schritt für Schritt nachverfolgt wird. Hier wird der Weg zum Ruhm von zwei Generälen, Marchand und Kitchener, analysiert. Marchand wurde 1899 von französischen Nationalisten, genauer gesagt von Dreyfus- und Republikgegnern, zur patriotischen Retterfigur stilisiert. Kitchener hingegen wurde durch den kommerziellen Erfolg einer journalistischen Reportage, „With Kitchener to Khartoum“, zum Ruhm verholfen.

Wirkliche Fehler kann man Berny Sèbe nicht vorwerfen. Der Korpus könnte etwas klarer umrissen sein, denn man muss doch recht genau nachlesen, um zu erfahren, welche Kolonisten genau diesen Korpus bilden. Der Historiker gibt in seiner Einleitung einmal vierzehn Namen an, obwohl er fünfzehn Fallstudien ankündigt ("fifteen or so case studies examined here", S. 10). In den hilfreichen biografischen Skizzen, die den Anhang bilden, werden dahingegen 23 Lebensläufe beschrieben; eine Differenz, die nicht weiter begründet wird. Dabei passen wenigstens zwei der zusätzlich im Anhang erwähnten Kolonisten zu den Auswahlkriterien für den Korpus, wie Sèbe sie anfangs umreißt. Thomas Bugeaud verkörpere, so die biografische Skizze, ‚die Eroberung Algeriens im französischen Folklore‘ („the conquest of Algeria in French folklore“, S. 305). Frederick Roberts sei ein ‚beliebter militärischer Führer im Burenkrieg gewesen‘ („a popular military leader on the occasion of the South African War“, S. 305) und durch zwei Gedichte Rudyard Kiplings berühmt geworden. Beide haben also breites nationales Ansehen genossen und entsprechen somit Sèbes Definition des „Imperial Hero“. Umgekehrt präzisiert der Autor in seiner Einleitung, dass Lugard zum Korpus gehöre, obwohl er nie wirklich berühmt gewesen sei, was einen Widerspruch zum Auswahlkriterium bildet.

Trotz dieser kleinen Schönheitsfehler ist die Studie bemerkenswert, umso mehr, als sie aus einer ursprünglichen Doktorarbeit entstanden ist. Berny Sèbe bedient sich moderner historischer Ansätze: Seine Methode ist meist komparatistisch, teilweise auch die Blickwinkel kreuzend, ganz im Sinne einer ,Histoire croisée‘.[2] Weiterhin analysiert er, getreu den Verteidigern der ‚Entangled History’, die Rückwirkungen der Kolonien auf die Metropole sowie der kolonialen Politik auf die nationale. Dies erinnert den deutschen Leser an Studien wie „Kolonialmetropole Berlin“, „Von Windhuk nach Ausschwitz“ und „Das Kaiserreich transnational“.[3] Hierzulande wird man außerdem vielleicht die Parallele zu Birthe Kundrus‘ Arbeit über die Kulturgeschichte des Kolonialismus ziehen.[4] Auch Berny Sèbe interessiert sich vermehrt für kulturelle Aspekte und für Vorstellungswelten. Er betrachtet die Verarbeitung der kolonialen Ereignisse in den Massenmedien sowie den Eingang bekannter Imperialisten in die Reihe der nationalen Helden. Der Historiker stellt darüber hinaus John MacKenzies Theorien an den Ausgangspunkt seiner Studie. Er nimmt MacKenzies Begriffe des „Imperial Hero“ und des „Popular Imperialism“ wieder auf und untersucht sie am französischen und englischen Beispiel systematisch. Am Ende seiner Arbeit kann Sèbe schlussfolgern, dass seine Studie beide Konzepte bestätigt habe und dass diese sowohl in England als auch in Frankreich eine Realität gewesen seien. Das neu erschienene Buch ist also durchaus empfehlenswert. Es bietet neue Einsichten in die europäische Kolonial- und Pressegeschichte und glänzt durch die Vielfältigkeit seiner Quellen, ist klar strukturiert und angenehm geschrieben.

Anmerkungen:
[1] John M. MacKenzie, Heroic myths of Empire, in: John M. MacKenzie (Hrsg.), Popular Imperialism and the Military, Manchester 1992, 109–139. Im deutschen Kontext erinnert der Ansatz z.B. auch an den Beitrag von Thomas Morlang, Der umstrittene ‚Kolonialheld‘ Hermann von Wissmann, in: Ulrich van der Heyden / Joachim Zeller (Hrsg.), „...Macht und Anteil an der Weltherrschaft" – Berlin und der deutsche Kolonialismus, Münster 2005, S. 37–43.
[2] Michael Werner / Bénédicte Zimmermann, De la comparaison à l'histoire croisée, Paris 2004.
[3] Ulrich van der Heyden / Joachim Zeller (Hrsg.), Kolonialmetropole Berlin – Eine Spurensuche, Berlin 2002; Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz?: Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Münster 2011; Jürgen Osterhammel / Sebastian Conrad (Hrsg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914, Göttingen 2004.
[4] Birthe Kundrus, Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt am Main 2003.