G. Menzel: Der schwarze Traum vom Glück. Haiti seit 1804

Title
Der schwarze Traum vom Glück. Haiti seit 1804


Author(s)
Menzel, Gerhard
Series
Beiträge zur Kirchen- und Kulturgeschichte 11
Published
Franfurt am Main 2001: Peter Lang/Frankfurt am Main
Extent
480 S.
Price
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Michael Zeuske, Iberische und lateinamerikanische Abteilung des Historischen Seminars, Universität zu Köln

Dies ist eine sehr deutsche Geschichte Haitis, eine Geschichte in der Tradition Wilhelm Jordans, Heinrich Handelmanns und Louis Tippenhauers.[1] Negativ gesagt, handelt es sich “nur” um eine politische Ereignisgeschichte (in einer Reihe zur “Kirchen- und Kulturgeschichte”), die finalistisch ziemlich direkt auf die heutige Situation des ärmsten Karibikstaates zusteuert. Positiv gesagt, ist es eine sehr nötige und nützliche Geschichte, die aus der vorhandenen Bibliographie (und Erfahrungen des Autors) eine der guten “Fictions of History” Haitis[2] nach den Regeln des Historismus konstruiert.

Menzels Geschichte merkt der Leser an, dass er Anekdoten mag. Und Menzel ist von Haiti fasziniert. Auch er nutzt, wie fast alle Literaten vor ihm “Haiti als Paradigma”.[3] Dabei geht immer wieder eines unter: Saint-Domingue/Haiti war kein Paradigma, auch wenn die Eliten der halben Insel das bis 1790 und ab 1804 geglaubt haben mögen; Saint-Domingue war der atlantische Bruchpunkt zwischen erster und zweiter Globalisierung [4], in fast allen Aspekten schlecht (für die Masse seiner Menschen): als Kolonie, als Revolution, als Staat. Wenn man dies schon als Paradigma bezeichnen mag, dann immer als ein Paradigma, wie es nicht gemacht werden sollte oder wie es nicht hätte sein sollen – eigentlich immer ein Alptraum. Dieser Alptraum wurde vor 1791 hochgespielt - auch von der Kolonialkonkurrenz Frankreichs –, weil eine gerade moderne (und profitable) Wirtschaftslehre die Plantagenökonomie mit extremer Massensklaverei für den letzten Schrei hielt (bourbonische Reformer in Spanien richteten ein ganzes Wirtschaftsprogramm auf das “Vorbild” Saint-Domingue aus), und nach 1791, besonders aber nach 1804 heruntergespielt, weil ein Staat der freien (ehemaligen) Sklaven und Mulatten einfach nicht wahr sein durfte.

Eine der wenigen Ausnahmen im liberalen 19. Jahrhundert stellt – wie so oft – Alexander von Humboldt dar mit seiner Invokation von „Haiti ... [dem] Reich der Äthiopier”, als Kern einer „Afrikanische[n] Konföderation der Freien Staaten der Antillen“ (immerhin wahrscheinlich um 1825 geschrieben). [5] Die Revolution von Saint Domingue hat als wirklicher Bruchpunkt zwischen erster und zweiter Globalisierung vor allem auf andere Plantagengebiete und sogar den gesamten atlantischen Raum Wirkungen gehabt; aristokratische Revolutionäre wie Francisco de Miranda und Simón Bolívar holten sich hier Unterstützung, redeten aber ansonsten schlecht von Haiti. Ein Karl Marx, der auf die Arbeiterklasse und nicht auf Sklaven, Arme oder andere “Subalterne” setzte, redete auch schlecht von Haiti. Insofern haben wir es mit einer wahrhaft verwundenen Dialektik à la “Hegel and Haiti” [6] zu tun.

Ich selber denke, dass die Verluste durch Revolution, Konterrevolution und Kriege sowie die Schwierigkeiten ein neues Ethnos zu formen, Haitis Weg von Anfang an negativ geprägt haben. Die Kriege kosteten die Hälfte der Einwohner (ein recht unschuldiger Begriff, aber welchen soll man angesichts der Massensklaverei wählen?) das Leben, die Zahlen fielen von ca. 520 000 (1789) auf ca. 240 000 (1804) Menschen. Von 1791 bis 1804, vor allem 1802 bis 1804, gab es etwa 40 000 Tote auf französischer Seite, auf britischer Seite rund 80 000 Kriegsopfer (nach Mollin [7]). Dazu kamen negative politische Weichenstellungen, wie der Verrat und die Gefangennahme Toussaints L’Ouvertures 1802. Damit war die Chance einer positiven Stabilisierung vertan; endgültig war sie mit den Entschädigungs-Zahlungen an Frankreich 1825 dahin. Aber eigentlich reichen schon die demographischen Daten, um deutlich zu machen, dass Haiti die hochfliegenden Erwartungen der Zeitgenossen nicht erfüllen konnte. Dazu kam noch der Cordon Sanitaire aller sklavenhaltenden Gesellschaften in der Karibik – Haiti hatte von Anfang an nur eine minimale Chance, die es unter einer charismatischen Führung und einer guten Regierungsmannschaft vielleicht hätte nutzen können.

Menzels Buch stellt für den deutschen Markt eine recht gute narrativ-annalistische Ergänzung von Berneckers eher sozial- und wirtschaftshistorisch ausgerichteter “Kleine(n) Geschichte Haitis”[8] und Hans-Christoph Buchs Texten dar (Fleischmann, Schüller, Middelanis, Uerlings und Lüsebrink sind eher an ein wissenschaftliches Publikum gerichtet und selbst Ergebnisse der exotischen Faszination, die Haiti immer wieder auf Deutsche ausgeübt hat [9]). Eigene Forschungen im Sinne von David Geggus (der wichtigste nichthaitianische Historiker Haitis) [10], Archivanalysen (die für die Geschichte Haitis vornehmlich in Frankreich möglich und deshalb weitgehend auf die Kolonialzeit beschränkt sind; aber auch deutsche und andere europäische sowie amerikanische Quellen liegen vor) oder Mikrogeschichte, die die Vision von Menschen Haitis in den Mittelpunkt, ihre Geschichtsinterpretation aus ihrem kulturellen Gedächtnis oder in den Zusammenhang der karibischen bzw. atlantischen Geschichte stellt, sind von dem Buch nicht zu erwarten. Die eigentlichen Akteure der Geschichte Haitis kommen zu kurz. Stattdessen hat der Vf. ein sehr kursorisches Kapitel “Zur Geschichte des Volkes” (S. 414-446) geschrieben.

Es handelt sich bei Menzels Buch um eine knappe, finalistische (und kaum sozialwissenschaftlich geprägte) Erzählung, die aber als gute Beschreibung der wichtigsten Ereignisse auf und um Haiti im 19. und 20. Jahrhundert ihren Nutzen hat.

Anmerkungen
[1] Jordan, Wilhelm, Geschichte der Insel Hayti und ihres Negerstaates. Zwei Teile, Leipzig 1846/1849; Handelmann, Heinrich, Geschichte der Insel Hayti, Kiel 1860; Tipperhauer, Louis Gentil, Die Insel Haiti, Leipzig 1893.
[2] Siehe die Geschichte Haitis im Sinne der neuen Kulturgeschichte: Dayan, Joan, Haiti, History and the Gods, Berkeley 1998.
[3] Bremer, Thomas, “Haiti als Paradigma. Karibische Sklavenemanzipation und europäische Literatur”, in: Lateinamerikanische Studien 11 "Karibik”, München 1982, S. 319-340.
[4] Zeuske, Michael, Sklavereien, Emanzipationen und atlantische Weltgeschichte. Essays über Mikrogeschichten, Sklaven, Globalisierungen und Rassismus, Leipzig 2002.
[5] Humboldt, Alexander von, Cuba-Werk. Hrsg. u. komm. von Hanno Beck, Darmstadt 1992, S. 81 und S. 64.
[6] Buck-Morss, Susan, “Hegel and Haiti”, in: Critical Inquiry 26 (Summer 2000), S. 821-865.
[7] Mollin, Volker, Guerra pequeña, guerra olvidada, Santiago de Cuba 2002. S. 17, FN 2.
[8] Bernecker, Walther L., Kleine Geschichte Haitis, Frankfurt 1994.
[9] Fleischmann, Ulrich, Aspekte der sozialen und politischen Entwicklung Haitis, Stuttgart 1971; Schüller, Karin, Die deutsche Rezeption haitianischer Geschichte, Köln 1992; Uerlings, Herbert, Poetiken der Interkulturalität. Haiti bei Kleist, Seghers, Müller, Buch und Fichte, Tübingen 1997; Lüsebrink, Hans-Jürgen, “Von der Geschichte zur Fiktion – die Haitianische Revolution als gesamtamerikanisches Ereignis, in: Lateinamerika-Studien 32 (1994), S. 146-160.
[10] Geggus, David P. (Hg.), The Impact of the Haitian Revolution in the Atlantic World, Columbia 2001.

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07.09.2004
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