T. Schönfelder: Roter Fluss auf Schwarzer Erde

Cover
Titel
Roter Fluss auf Schwarzer Erde. Der Kuban und der agromeliorative Komplex: Eine sowjetische Umwelt- und Technikgeschichte, 1929–1991


Autor(en)
Schönfelder, Timm
Reihe
Geschichte der technischen Kultur
Erschienen
Paderborn 2022: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
324 S.
Preis
€ 109,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Luminita Gatejel, Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg

Die Landwirtschaft als Wirtschaftszweig steht heute weltweit vor der gewaltigen Herausforderung, sowohl die Ernährungssicherheit zu gewährleisten als auch nach nachhaltigen Prinzipien zu wirtschaften. Viele der bestehenden Umweltprobleme lassen sich auf die Veränderung der Anbaumethoden in den 1960er und 1970er Jahren zurückführen. Unter dem Begriff „Grüne Revolution“, angeführt von den USA, erreichten viele der sogenannten Entwicklungsländer Rekordproduktionen, indem sie den Anbau durch den Einsatz von Hochleistungspflanzen und Mineraldünger intensivierten.1 Gleichzeitig war die Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge auch im staatssozialistischen Teil der Welt eine wichtige politische Vorgabe, das jedoch häufig mit extensiven Anbaumethoden verfolgt wurde. Timm Schönfelder analysiert diese Entwicklung in der Sowjetunion aus der Perspektive der Wasserwirtschaft im Kuban-Gebiet. Im Zentrum der Untersuchung steht die Etablierung des sogenannten „agromeliorativen Komplex“, den der Autor als „den Konnex von Bewässerungsindustrie, Wissen und Nomenklatura“ definiert (S. 7), und dessen Auswirkungen auf die Landwirtschaft und auf die Umwelt im Allgemeinen. In den 1960er Jahren, nach der verpassten „Grünen Revolution“, stieg dort die Bedeutung der Wasserwirtschaft. Der Höhepunkt dieser Entwicklung wurde 1965 erreicht, als das neue Ministerium für Melioration und Wasserwirtschaft (Minvodchoz) gegründet wurde und Bewässerungsmaßnahmen zur bevorzugten landwirtschaftlichen Entwicklungsstrategie ausgewählt wurden.

Schönfelder hat keine rein lokale Studie verfasst, sondern er bettet den lokalen Raum in die allgemeinen politischen, institutionellen und kulturellen Veränderungen im Bereich der Hydromelioration ein. Diese Vorgehensweise erklärt sich aus der Logik des sowjetischen Verwaltungsapparates, in dem die wichtigsten Veränderungsimpulse auf der Unionsebene verhandelt wurden. Das bedeutet keineswegs, dass die sogenannte Peripherie den Interventionen des Zentrums machtlos gegenüberstand, sondern dass Reformen, auch wenn sie lokale Impulse aufgriffen, in einem Top-down-Verfahren weitergereicht wurden. Der oft ungleiche Austausch zwischen Moskau und Kuban verbindet die einzelnen Kapitel dieser Studie und beleuchtet die Regionen Stavropol und Krasnodar als Karrieresprungbrett für viele sowjetische Funktionäre. Ein weiterer Grund, warum der Kuban eine besonders relevante Fallstudie für den Ausbau der staatlichen Wasserwirtschaft ist, liegt in seiner heterogenen hydrologischen Beschaffenheit. Die sehr fruchtbare Schwarzerde-Region Krasnodar, oftmals als sowjetischer „Brotkorb“ bezeichnet, grenzt unmittelbar an die Trockensteppe von Stavropol. Konkret bedeutet dies, dass der untere Wasserlauf einschließlich der Mündung in das Asowsche Meer periodisch von katastrophalen Überschwemmungen bedroht war, während der obere Lauf von langen Dürreperioden geprägt war. Diese komplexen und unterschiedlichen Umweltbedingungen stellten eine große Herausforderung für die sowjetischen Behörden dar, die zu einseitigen und abstrakten Lösungen neigten, die den „unübersichtlichen“ Verhältnissen vor Ort nicht gerecht wurden.

Das zweite Kapitel verfolgt chronologisch die Geschichte der Meliorationen im Kubangebiet von der späten Zarenzeit und in der Sowjetunion bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Durch diesen zeitlichen Zuschnitt ergibt sich ein Gesamtbild, das vor allem die Kontinuität der Wasserpolitik hervorhebt. Lediglich die sozialen und politischen Zielvorgaben und Organisationsformen der Wasserwirtschaft änderten sich, wie etwa die Kollektivierungskampagne oder der Bau von Infrastrukturen durch Gulag-Häftlinge zeigen. Ein Schlüsselmoment für die weitere Entwicklung der Hydromeliorationen in der Region war der Bericht einer 1938 eingerichteten Expertenkommission, die die fertiggestellten Bewässerungsanlagen überprüfte. Hier kritisierte der junge Bodenkundler Viktor A. Kovda, den viel zu hohen Wasserverbrauch und mahnte, Drainagesysteme einzurichten, um das Risiko von Vernässung und Versalzung der Böden zu minimieren. Diese Forderung wiederholte er Anfang der 1950er Jahre, geschickt verpackt in eine Lobrede auf den Stalin-Plan zur Umgestaltung der Natur. Diese Kritik zeigt, dass potenzielle Lösungen sehr früh bekannt waren und die Sowjetunion dennoch „sehenden Auges in eine Katstrophe lief“ (S. 61). Künstliche Bewässerungsprogramme hätten nur dann angemessen entwickelt werden können, wenn eine Reihe von Wissenschaftlern, vor allem Hydrologen und Agronomen, bei der Durchführung der Pläne zusammengearbeitet hätten. Der Autor weist jedoch darauf hin, dass in den Folgejahren genau das Gegenteil eintrat, als Wasserbauspezialisten und landwirtschaftliche Experten nicht nur zunehmend getrennt voneinander arbeiteten, sondern auch um knappe Ressourcen miteinander konkurrierten.

Das Herzstück der Arbeit bildet das dritte Kapitel, das akribisch die politischen und ideologischen Verschiebungen dokumentiert, die den rasanten Aufstieg der Wasserbauer (vodniki) und ihre institutionelle Verankerung in einem eigenen Ministerium ermöglichten. Das Scheitern der Neulandkampagne Chruščevs und eine schwere Dürre, die 1963 zum Import von Getreide führte, waren wichtige Faktoren, die den neuen KPdSU-Generalsekretär Brežnev dazu veranlassten, in der Landwirtschaft alles auf die Bewässerungskarte zu setzen. Im Kern unterschied sich seine Vorgehensweise nicht von der seines Vorgängers Chruščev, denn er setzte weiterhin auf extensive Anbaumethoden und Gigantomanie und kündigte an, dass durch Bewässerung innerhalb von 10 Jahren 15 Millionen Hektar für die Landwirtschaft erschlossen werden würden. 1967 wurde schließlich auch ein Institut für Wasserfragen gegründet, das Wissenschaft und Praxis zusammenführte. Die Ablösung Chruščevs bedeutete auch, dass seine Experimente, Entscheidungskompetenzen an regionale Behörden zu delegieren, ebenso für beendet erklärt wurden. Die Folge war, dass das neue Ministerium für Melioration und Wasserwirtschaft eine zentral organisierte Bewässerungswirtschaft leitete. Mehr noch, das Ministerium war sowohl für die Erstellung der Pläne als auch für die Durchführung und Abnahme der einzelnen Projekte zuständig. Es gab keine externen Kontrollinstanzen, die die Arbeit der vodniki beurteilen konnten.

Wie im vierten Kapitel dargestellt wird, hatte der Prestige- und Machtgewinn der Wasserbauwirtschaft auch weitreichende Auswirkungen auf die Kubanregion. In Krasnodar lag der Fokus auf der Vergrößerung der Reisanbauflächen durch künstliche Bewässerung, so dass 1975 das größte Wasserbauprojekt der Region, der Krasnodarer Reservoir als „drittes Meer“ der Region, fertiggestellt wurde. In Stavropol gingen die wasserbaulichen Projekte langsamer voran, obwohl es an grandiosen Kanal-Plänen nicht mangelte. Dabei konkurrierten die beiden regionalen Parteivorsitzenden Sergej F. Medunov in Krasnodar und Gorbačev in Stavropol nicht nur um finanzielle Mittel aus Moskau, sondern auch um knappe natürliche Ressourcen, vor allem um Wasser. Obwohl die Bewässerungspläne nur höchstens zur Hälfte bis zu zwei Dritteln erfüllt wurden, stiegen die Erträge zeitweilig an. So wurden 1980 in Krasnodar eine Million Tonnen Reis geerntet, doch schon im folgenden Jahr brachen die Erträge auf 700.000 Tonnen ein. Auch in Stavropol gab es 1978 eine Rekordgetreideernte, die Gorbačevs zum Landwirtschaftsminister beförderte.

Die letzten beiden Kapitel befassen sich mit der aufkommenden Kritik an den Bewässerungsmethoden und den institutionellen Reformen, die sich von der Bewässerung als dominanter Entwicklungsstrategie in der Landwirtschaft distanzierten. Kritik hagelte es in den 1980er Jahre aus anderen Ministerien, vor allem aus dem Finanzministerium, das die verschwenderische Baupraxis anprangerte, aus den Regionen, die sich mehr Mitsprache wünschten, und von verschiedenen Wissenschaftlern und Aktivisten, die sowohl die sinkenden Erträge als auch die ökologischen Schäden der Bewässerungssysteme anprangerten. Erst 1986, im Zuge der Perestrojka, wurden die Kompetenzen des Minvodchoz schrittweise eingeschränkt, bis es 1991 schließlich aufgelöst wurde.

Timm Schönfelder hat eine dichte und gut recherchierte Arbeit verfasst, die mehrere wichtige Themen der sowjetischen Geschichtsschreibung sehr anschaulich miteinander verknüpft. Sie trägt nicht nur zum Verständnis der sowjetischen Eigenlogiken in der Wirtschaftsplanung und Durchführung bei, sondern bietet auch tiefe Einblicke in die institutionellen Verschränkungen, die den einzigartigen Aufstieg der Wasserwirtschaft entscheidend geprägt haben. Die große Stärke der Arbeit liegt daher in der Einbettung des Handelns sowjetischer Akteure (Wissenschaftler, Ingenieure und Politiker) in den Kontext sowjetischer bürokratischer Strukturen. Die persönlichen und professionellen Netzwerke dieser Akteure verbanden nicht nur Zentrum und Peripherie, sondern trugen zusammen mit dem Hang zur Gigantomanie sowjetischer Planung entscheidend zum Zuwachs der Zuständigkeiten der vodniki bei. Der Mangel an effektiven Kontrollinstanzen führte erstens zu einem gravierenden Wassermangel in einer ohnehin wasserarmen Region und zweitens zu weitreichenden Umweltschäden in Form von Bodenversalzung, Erosion und abnehmender Biodiversität. Hybris und Vollmacht führten letztlich zum Scheitern des Vorhabens, die sowjetische Landwirtschaft gegen die Launen der Natur abzusichern. Mehr noch: Die bittere Realität war, dass die Melioratoren nicht einmal das Wasser in ihren Kanälen kontrollieren konnten.

Anmerkungen:
1 Heinrich Hartmann, Eigensinnige Musterschüler. Ländliche Entwicklung und internationales Expertenwissen in der Türkei (1947–1980), Frankfurt am Main 2020; Corinna Unger, India’s Green Revolution. Towards a New Historical Perspective, in: Südasien-Chronik/South Asia Chronicle 4 (2014), S. 254-70.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.02.2024
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